Verluste steuerlich nutzen

Ein schlechtes Jahr ist steuerlich nicht verloren — es ist verschiebbar, in beide Richtungen.

Das erste Jahr endet oft mit einem Verlust: Anschaffungen, wenige Aufträge, Anlaufkosten. Das zweite auch, wenn ein Großkunde wegfällt. § 10d EStG macht daraus keinen Totalverlust, sondern eine Verrechnung — und der Rücktrag ist dabei der Teil, der echtes Geld zurückbringt.

Rücktrag: Geld aus der Vergangenheit

Ein Verlust darf in die 2 vorangegangenen Veranlagungszeiträume zurückgetragen werden — bis zu 1.000.000 € bei Einzelveranlagung, 2.000.000 € bei Zusammenveranlagung.

Das ist der wirtschaftlich interessante Weg. Wurde in einem Vorjahr Steuer gezahlt, führt der Rücktrag zu einer Rückzahlung — nicht zu einer Verrechnung in ferner Zukunft. Für einen Freelancer, dessen gutes Jahr dem schlechten unmittelbar vorausging, ist das der schnellste Liquiditätseffekt, den das Steuerrecht bietet.

Vortrag: unbegrenzt in der Zeit, begrenzt in der Höhe

Was nicht zurückgetragen wird, wandert in die Zukunft — ohne zeitliche Grenze. Der Höhe nach greift eine Staffelung:

bis 1.000.000 € Gesamtbetrag der Einkünfte unbeschränkt abziehbar
darüber hinaus bis zu 70 %

Für die Größenordnungen eines Freelancers ist diese Staffelung praktisch bedeutungslos: 1.000.000 € Einkünfte liegen außer Reichweite. Der Vortrag ist also faktisch unbeschränkt — was ihn zu einem verlässlichen Puffer macht.

Warum das die Anlaufphase verändert

Wer im ersten Jahr investiert und wenig einnimmt, baut einen Verlust auf, der die Steuer der folgenden Jahre senkt. Das relativiert eine Rechnung, die sonst abschreckend wirkt: die Anschaffungen des Starts sind nicht «verschenkt», weil kein Gewinn da war, um sie abzuziehen.

Und es verzahnt sich mit dem Investitionsabzugsbetrag in die andere Richtung: § 7g verschiebt Gewinn nach vorn, § 10d verschiebt Verlust zurück oder nach vorn. Zusammen sind sie das Werkzeug, mit dem man eine schwankende Auftragslage steuerlich glättet.

Was du dafür tun musst

Woher ein Verlust bei einem Freelancer überhaupt kommt

Er wirkt exotisch, bis man die Posten aufzählt, die im ersten Jahr zusammenfallen:

PostenGrößenordnungWarum er im ersten Jahr wiegt
Hardware und Softwarebis 800 € je Gegenstand sofort abziehbaralles wird gleichzeitig beschafft
Kranken- und Pflegeversicherungmindestens auf der Mindestbemessungsie folgt nicht nach unten, auch ohne Auftrag
Fortbildung, Zertifizierungvoll abziehbarPositionierung kostet, bevor sie zahlt
Akquisezeitkein Abzug, aber kein Umsatzabrechenbare Tage sind im ersten Jahr niedrig

Rechnet man mit 140 statt 200 abrechenbaren Tagen — realistischer im ersten Jahr, wie im Ratgeber zum Gründungszuschuss begründet — und zieht die Anschaffungen ab, entsteht ein Verlust ohne jedes Missgeschick. Er ist die Normalform eines Starts, nicht sein Scheitern.

Rücktrag und Vortrag, an einem Beispiel

Angenommen, ein starkes Jahr geht einem schwachen voraus:

JahrErgebnisWirkung
Jahr 1Gewinn 80.000 €, Steuer gezahlt
Jahr 2Verlust 20.000 €Rücktrag auf Jahr 1 → Rückzahlung
Jahr 3Gewinn 50.000 €was nicht zurückgetragen wurde, mindert hier

Der Rücktrag von 20.000 € senkt den Gewinn des Jahres 1 auf 60.000 €. Bei einem Grenzsteuersatz von 42 % in dieser Zone entspricht das einer Rückzahlung in der Größenordnung von 8.400 € — Geld, das im Verlustjahr ankommt, also genau dann, wenn es fehlt. Der Vortrag hätte dieselbe Summe erst Jahre später gebracht.

Der Rücktrag ist auf Antrag beschränkbar. Das ist der Punkt, an dem man rechnen sollte statt zu automatisieren: wer im Vorjahr nur den unteren Tarifbereich erreicht hat, spart dort wenig — und der Vortrag in ein künftig stärkeres Jahr kann mehr wert sein. Der Grundsatz bleibt aber: Liquidität heute schlägt eine Verrechnung in unbestimmter Zukunft.

Was ein Verlust NICHT bewirkt

Diese drei Punkte zusammen erklären, warum ein Verlustjahr sich schlimmer anfühlt als es steuerlich ist: die Steuer folgt dem Ergebnis, die Beiträge und die Vorauszahlungen nicht — es sei denn, man handelt.

Häufige Fragen

Wie viele Jahre zurück kann ich einen Verlust tragen?

2 Veranlagungszeiträume, bis zu 1.000.000 € bei Einzelveranlagung.

Wie lange gilt der Verlustvortrag?

Zeitlich unbegrenzt. Der Höhe nach ist er bis 1.000.000 € Einkünfte unbeschränkt, darüber bis zu 70 %.

Muss ich im Verlustjahr eine Steuererklärung abgeben?

Ja — sonst wird der Verlust nicht festgestellt und kann später nicht verrechnet werden.

Rücktrag oder Vortrag: was ist besser?

Der Rücktrag, wenn in einem der beiden Vorjahre Steuer gezahlt wurde: er führt zu einer Rückzahlung statt zu einer künftigen Verrechnung.

Stand: 17.08.2026. Quelle: § 10d EStG. Keine steuerliche Beratung.

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Häufige Fragen

Wie viele Jahre zurück kann ich einen Verlust tragen?
2 Veranlagungszeiträume, bis zu 1.000.000 Euro bei Einzelveranlagung und 2.000.000 Euro bei Zusammenveranlagung (§ 10d EStG).
Wie lange gilt der Verlustvortrag?
Zeitlich unbegrenzt. Der Höhe nach unbeschränkt bis 1.000.000 Euro Gesamtbetrag der Einkünfte, darüber bis zu 70 Prozent.
Muss ich im Verlustjahr eine Steuererklärung abgeben?
Ja. Ohne Festsetzung wird der Verlust nicht festgestellt und kann in anderen Jahren nicht verrechnet werden.
Ist der Rücktrag oder der Vortrag günstiger?
Der Rücktrag, wenn in einem der beiden Vorjahre Steuer gezahlt wurde: er führt zu einer Rückzahlung statt zu einer Verrechnung in der Zukunft.